Anderweitiges


 

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Herr Hungerlohn hat seine Frau …

Herr Hungerlohn hat seine Frau geschlagen,
Und zwei der Kinder hat es auch erwischt.
Herr Nebenan, der diesen schon seit Tagen
Kaum mehr gegrüßt, hat sich nicht eingemischt,
Denn Nebenan weiß: „Wenn er sie verdrischt,
Ist morgen Ruhe vor den argen Plagen.“

Herr Drunter hat an seinem Grammophone
Den Pegelregler auf die Zwölf gestellt.
Das Schrei’n von oben hat dem klaren Tone
Von Bach’schen Fugen rein sich zugesellt,
Worauf sich Drunters Miene aufgehellt:
„Wie kraftvoll klingt doch stets das Polyphone!“

Frau Pünktlich möchte Abendbrot bereiten
Und hadert unterdes’ an einer Tour:
„Dass die sich drüben immerfort bloß streiten!“
Da spricht ihr Mann, nach einem Blick zur Uhr:
„Das mag schon sein! Doch prügelt er sie nur
Präzise außerhalb der Ruhezeiten.“

Frau Hauswart, die noch niemals eine Lüge
Herumerzählt, verharrt und lauscht entzückt,
Denn morgen wird, sie kennt das zur Genüge,
Was man gehört, ins rechte Licht gerückt.
„Was wäre erst“, sinniert sie, halb beglückt,
„Wenn er sie irgendwann einmal erschlüge.“

Frau Sechster-Stock besucht, mit ’ner Krawatte,
Ein Herr. Der zahlt im Vorhinein genau
Und liegt zuunterst auf der teu’ren Matte,
Als er die Laute der geschlagnen Frau
Vernimmt. Das regt ihn an, er denkt: „Ach schau!“,
Weil er bis dahin so was noch nicht hatte.

Herr Dobermann, der grad mit seinem Hunde,
kurz angeleint, den Weg zum Fahrstuhl nimmt
Zu der gewohnten abendlichen Runde,
Denkt: „Blöd, dass er sie fortwährend vertrimmt.
Bei mir ist ein für allemal bestimmt,
Wer Herr im Hause ist zu jeder Stunde.“

Herr Überhaupt, voll innerer Empörung,
Trifft vor der Wohnungstür Herrn Sowieso.
Sie reden über die gemeine Störung:
Das gäb’ es hier, ansonsten nirgendwo.
Doch wirklich schlimm, sind sie gemeinsam froh,
Sei eine islamistische Verschwörung.

Herr Dr. Penthouse mag es gar nicht leiden,
Wenn so ein Lärm zu ihm nach oben dringt.
Doch ganz vernunftgemäß denkt er: „Nicht meiden
Lässt manches sich, was dieses Leben bringt.
Abwägend aber gilt hier unbedingt:
Der Blick ist prachtvoll und der Preis bescheiden.“

Herr Hinten-Rechts hat noch Besuch bekommen
Von drei Bekannten und zwei Kisten Bier,
Die hören alles, doch bereits verschwommen,
Denn derzeit sind sie nun bei Runde vier,
Und gegen fünf am Morgen ward’ von hier
Der weitaus größte Lärm im Haus vernommen.


 

Ich wäre gerne anderweitig

Ich wäre gerne anderweitig,
So gerne anders irgendwo,
Und lieber wär’ ich anderszeitig,
Im andern Kleid und andrerseitig,
Nur bin ich eben, hier und so.

Und wäre diese Welt nur eben
Grad nicht so und halt ungefähr,
Und wenn der Mensch wie der daneben
Und was ansonsten gottgeben
Mal irgend und mal anders wär’,

Ich wäre lieber anderweitig,
So gern so ferne irgendwie,
Mit andrem Haar und andershäutig,
Andersherum und andersdeutig,
Nur so und hier und eben nie.

aus: „Ich wäre gerne anderweitig – Gedichte aus 2008“
Leipzig 2008


 

Frühe Liebe

Du warst schon so alt wie die Sterne
Und ich noch so jung wie der Tag.
Die tauschten ihr Licht in der Ferne,
Als ich in den Armen dir lag.

Wir ruhten da Leiste bei Leiste
Im morgendlich nässenden Gras
Und flüsterten, wovon das meiste
Ich ebenda wieder vergaß.

Du fuhrst mir durch all meine Locken
Und ich dir ins gräuliche Haar,
Wie waren die Lippen so trocken
Und wie deine Augen so klar.

Dann sprangen wir auf, wie in Schrecken,
Um rasch voneinander zu flieh’n.
Was blieb, waren grasgrüne Flecken,
Am Becken dir, mir an den Knien.


 

Somnambul

Ich habe meinen Abschied längst genommen,
Und fast vergessen habe ich, wovon.
Woanders bin ich noch nicht angekommen,
Ich ahn’ es, träum’ es kaum. Doch schlaf’ ich schon.

Und lägen in den schweißgetränkten Kissen
Nicht hingestreckt die vielen andern all,
Sie würden mich auf ihren Dächern wissen
Und warteten vielleicht auf meinen Fall.

Dort schreite ich auf ihrem Wohlgefügten,
Und meine Tritte kennen jeden First.
Vereinzelt meint man, dass die sich vergnügten,
Wenn unter ihnen so ein Ziegel birst.

Der weiße Mond wirft über die Fassaden,
Als wäre ich die Wahrheit seines Scheins,
Den Schatten hin. Ich selbst, von seinen Gnaden,
Bin alles nun, wie nichts und ewig eins.