Gedanken

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Bilder machen, ohne sich Gedanken zu machen? Das geht natürlich, nur ich kann das nicht.

Gedanken sind, anders als Bilder, stets „in progress“. Ein Bild aber ist immer fertig, und wenn man es verändert, dann ist es ein anderes Bild.

Wenn man einen Gedanken zum Wort macht, dann ist der Gedanke nur „scheinbar“ fertig. Man kann das Wort ändern und damit womöglich den Gedanken, und man muss das Wort ändern können, weil es als solches den Gedanken nicht vollständig oder schlicht falsch oder unsinnig wiedergibt. Oder weil es sinnlos ist (Wittgenstein).
Es gibt keine Übereinstimmung von Gedanke und Wort.

Gibt es denn eine Übereinstimmung von Bild und Wirklichkeit?

Platon meinte: keineswegs, denn schon all das, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, sind bloße Schatten („Höhlengleichnis“), und das, was wir von diesen Schatten versuchen abzubilden, das sind nur Schatten von Schatten, ja, womöglich „vorsätzlich“ gemachte Täuschungen von gegebenen Täuschungen. Daher besitzen diese Schatten von Schatten bei Platon eine moralische Dimension: einer, der eine solche Täuschung konstruiert, ist ein Lügner und damit einer, den man in der (idealen) menschlichen Gemeinschaft nicht braucht. In Platons „Staat“ (Politeia) sind die Dichter die Lügner, und diese dürfen nicht zugelassen werden. Man muss sie hinauswerfen oder verfolgen. Über die Wahrheit des Wirklichen verfügen nur die Philosophen, weil sie das Schattenhafte unserer Wahrnehmung von der Wirklichkeit durchschauen und die deshalb die Herrschaft im Staatswesen übernehmen müssen. Die Bildermacher aber, die Dichter, die Lügner, müssen weg! Der früheste Entwurf eines idealen Staats ist totalitär.

Das Christentum – wie alle monotheistischen Religionen, die unsere eurozentrische Welt geprägt haben – verbietet, sich ein „Bildnis“ von Gott zu machen. Anders als im Islam und dem Judentum überträgt sich dieses Verbot nicht grundsätzlich auf die Abbildung von etwas und allem. Schon das zentrale christliche Symbol, der Erlöser am Kreuz, ist eine solche. Und im Laufe der Entwicklung, zunächst und vor allem der katholischen Kirche, erhält das Bild als Mittel der Gottespreisung und der Prachtentfaltung seine Bedeutung. Freilich verbleibt es in genau dieser der Religion bloß dienenden Funktion – wie alle Kulturleistungen seinerzeit, z.B. die Philosophie, die als „Magd der Theologie“ gesehen wird.
Das Bild ist Ornament und so nur ein Teil der Wirklichkeit, es bildet sie nicht ab.

Die frühe Neuzeit verändert die Blickrichtung auf die Wirklichkeit. Die Rolle Gottes wird sekundär, dienend, funktional. Später wird Voltaire schreiben: „Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.“ Auch das Bild spielt keine Rolle mehr, weder als Ornament noch als Konkurrent der wirklichen Welt.
Descartes stellt das denkende Ich ins Zentrum der „wissenschaftlichen“ Welt, die er gewinnen will: „cogito ergo sum“ ist das „fundamentum absolutum inconcussum“, auf dem alleine Erkenntnis entstehen und schließlich aufbauen kann. Und das Medium, in dem diese Wirklichkeitsgewinnung alleine stattfindet, ist die Zahl, d.h. die Mathematik. Die wahre Welt wird zum wissenschaftlichen Labor. Der Horizont, den er entwirft, ist die Weltherrschaft: der Mensch als „Herr und Eigentümer der Natur“.
Das Bild ist – ähnlich wie bei Platon – bloß eine Weise, sich selbst zu täuschen.

Mit der Aufklärung wird der Mensch als Erzeuger von Wahrheit, die seine eigene ist und neben der es keine andere (für ihn) geben kann, selbst zum Gegenstand allen Nachdenkens. So tritt die Frage, wie der Mensch sich zur Wirklichkeit verhält, bei Kant ins Zentrum seiner großen „kritischen“ Schriften. Der Mensch „erkennt“ (Kritik der reinen Vernunft), er „handelt“ (Kritik der praktischen Vernunft) und er „urteilt“ (Kritik der Urteilskraft). In letzterer, der Kritik der Urteilskraft, nimmt Kant u.a. die Themen Schönheit und Genie auf. Das Genie ist der (seltene) Mensch, dem ein unmittelbarer Bezug zu Schönheit und zu Freiheit gelingt. Der Künstler definiert sich durch seine Genialität. Dieses Zusammendenken von Schönheit und Freiheit im Genie – und all dessen Problematisierungen – bleibt wesentlich für die Gedanken der Moderne über Kunst bis heute.
Für das Genie existiert die Frage, ob das, was es schafft, ein Abbild der Wirklichkeit darstellt, gar nicht, weil seine Schöpfung „sui generis“ ist. Sein Bild, seine Schrift, seine Musik ist mehr als die schlichte Wirklichkeit, sie ist eine Form der Wahrheit, die nun nicht mehr den Wahrheitskern des Wirklichen offenlegt, sondern es selbst überbietet. Das Bild – als Kunstwerk – übertrifft die Wirklichkeit.

Auf die Frage, ob es eine Übereinstimmung von Bild und Wirklichkeit gibt, finden sich in der Geschichte des Nachdenkens im Wesentlichen drei Antworten:
Ein Bild des Wirklichen
1. ist weniger als dieses, weil bloße Täuschung;
2. ist unbedeutend, weil bloßes Dekor;
3. ist mehr als dieses, weil Ausdruck der schöpferischen Macht des Menschen.
Heute – so scheint es – reichen diese überlieferten Antworten nicht mehr aus, wenn man sich Gedanken darüber machen will, wie sich die Bilder zur abgebildeten Wirklichkeit verhalten.

Mit der Entdeckung der Fotografie im 19. Jahrhundert entsteht die Möglichkeit,  auf einfache und potentiell einem jeden verfügbare Weise den optischen „Abdruck“ eines Wirklichkeitsausschnittes zu erzeugen, der zudem beliebig oft zu reproduzieren ist. Und außerdem beginnen auf dieser Basis die „Bilder laufen zu lernen“. Der Film aber schafft eine völlig neue Dimension der Wiedergabe des Wirklichen: er macht die Illusion zum Zweck des Abbildes.

Der Begriff der Illusion verbindet die Täuschung mit dem Bedürfnis: der Mensch sucht das Täuschende, um es zu genießen. Die Illusion ist ein Gegenentwurf zum Wirklichen, der sich dekorativ dem Bedürfnis des Betrachters andient. Dabei spielt es keine Rolle, welchen Charakter diese Dekoration annimmt, ob sie dramatisch, komisch oder nur gewöhnlich ist. Der menschliche Bedarf nach genüsslicher Ablenkung von seiner jeweiligen Lebenswirklichkeit eröffnet dem Bild – und damit dem, der es erzeugt – den Horizont der wirtschaftlichen Verwertbarkeit. So wird das Bild – oder werden die Bilder – zum Massenphänomen. Der Kino- und schließlich der Fernsehfilm schaffen dem menschlichen Bedürfnis eine Fläche, in die es sich selbst und scheinbar individuell hineinprojizieren kann (und soll). Die Illusion generiert gleichsam selbst Vorbilder und Beispiele und schwappt damit in die konkrete, individuelle Wirklichkeit zurück, aus der sie entstanden ist.

Identität – eine Problemstellung des Einzelnen seit, mit der Aufklärung, Gott als das alleine Identische verabschiedet wurde – findet sich nun in Form der schlichten Identifizierung des (modernen) Einzelnen (z.B.) mit den „Stars“, den Moden, den Klischees oder anderen massenhaft und leicht angebotenen Vorbildern. Für diesen Einzelnen wird es annähernd unmöglich, zwischen tatsächlichem Abbild, wirklichem Vorbild, bloßer Täuschung und sich selbst (als dem mit sich selbst Identischen) zu unterscheiden.

Und seitdem das Internet die Grenzen der Verbreitbarkeit aufgehoben hat, scheint die Frage nach dem Unterschied zwischen Abbild, Vorbild und Täuschung endgültig erledigt. Die potentiell weltweite, d.h. menschheitsumfassend Präsenz jedes einzelnen Bildes von einer einzelnen Person entgrenzt das zur modernen Aufgabe gewordene Identische. Wer will (oder kann) in der Unzahl überhaupt noch etwas unterscheiden? Wer durchschaut das Unübersehbare? In gewisser Weise erscheint nun alles gleichermaßen gültig und damit – wenn man so will – gleichgültig. Die vermutete oder behauptete, jedenfalls nachweis-, weil auffindbare Präsenz des jederzeit zu schaffenden Abbildes eines jeden einzelnen ersetzt die Frage: Wer bin ich? Die Antwort auf diese gar nicht mehr gestellte Frage lautet nun: Schaut her, da bin ich. Zwar genügt diese Antwort ihrer Frage nicht, wohl aber genügt sie dem Antwortenden – auch wenn er selbst der eigentlich Fragende war.

Am Ende, d.h. jetzt und heute, stellt sich die oben aufgeworfene Frage, ob es denn eine Übereinstimmung von Bild und Wirklichkeit gibt, anders als es zunächst schien. Dort ist die Wirklichkeit das Substrat, und für jedes Bild bedeutet dies: seine Adäquanz mit dem Wirklichen muss nachvollziehbar bzw. nachweisbar sein. Jetzt – und heute – ist das Bild das Wesentliche und die Wirklichkeit – augenscheinlich – in der Überflut der Bilder nicht mehr auffindbar. Zum Abbild gibt es nichts, woran sich dieses messen ließe oder müsste. Daher ist dieses kein „Abbild“ mehr, kein Attribut von etwas, keine Modifikation eines Attributs: das Bild selbst ist die „Substanz“, das – ontologisch – allem Zugrundeliegende. In (abwandelnder) Wiedergabe eines Axioms von Spinoza, müsste man das „Bild als Gott“ begreifen.

Vielleicht wird erst in dieser extremen (metaphysischen) Überspitzung verständlich, dass der zunächst einfachen Frage nach der Übereinstimmung von Bild und Wirklichkeit eine sehr viel weitergehende Frage innewohnt: die nach Wahrheit. Wir benötigen ein Maß, an dem sich eine solche Übereinstimmung beweist. Und ein solches Maß – Wahrheit nämlich – besitzen wir nicht. Im besten Sinne befinden wir uns auf der Suche nach dieser, auf der Suche nach „der“ Wahrheit. Die Geschichte der Frage nach einer solchen Übereinstimmung besitzt also keinerlei Ergebnis – wie Geschichte vermutlich niemals nachvollziehbare Ergebnisse aus ihren Anlässen oder gar ihrem Beginn liefert. Die Christus-Frage „Was ist Wahrheit?“ hat bis heute keine Antwort erhalten.

Ich denke, dass diese Frage – die grundsätzlich das Risiko birgt, niemals eine Antwort zu finden – heute gar nicht mehr gestellt wird. Dass selbst die „minderen“ Formen dieser „großen“ Wahrheit – Wahrhaftigkeit z.B. – aus dem Blick geraten. Und dass daran die scheinbar unendliche Zahl an Bildern, die unsere Gegenwart und jeden einzelnen von uns erfüllen, ursächlich mitwirkt.

 

 

Auch meine Gedanken hier sind „in progress“, besonders die Gedanken, die ich mir zu meinen Gedanken mache. Vielleicht lohnt es deshalb, gelegentlich hier hereinzuschauen.